Literaturdidaktik: Analytische Verfahren

Einleitung

Zu den analytischen Verfahren zählen alle Operationen am Text, die dem gezielten Lesen literarischer oder expositorischer Texte dienen, also z. B. alle Verfahren des Markierens und Annotierens, das Fragen formulieren, Gliedern und Segmentieren, Zusammenfassen, aber auch z. B. den Handlungsverlauf als Spannungskurve skizzieren, Personen charakterisieren, Argumentationsstruktur visualisieren u. v. a. m. Aus dieser kurzen Liste lässt sich schon ersehen, dass es unmöglich ist, eine vollständige Übersicht ALLER analytischen Verfahren zu geben (es sie denn als zusammenhanglose Spiegelstrichorgie).

Phasenmodell des Literaturunterrichts

Günther Einecke hat ein Phasenmodell des Literaturunterrichts entwickelt, das die idealtyipschen Phasen einer Literaturstunde zeigt. Idealtypisch heißt, dass diese Phase nicht zwanghaft notwendig, aber doch typischerweise vorhanden sind. Es soll nicht sklavisch abgearbeitet werden, kann aber gerade für Berufseinsteiger*innen als Checkliste dienen, um das Volumen der Stunde, das Anspruchsniveau oder die Vollständigkeit der Auseinandersetzung mit einem Text zu überprüfen.

Es geht hier wohlgemerkt um den Typus des traditionellen, kognitiv-analytisch orientierten, vorwiegend sprachlich vermittelten, sukzessive erarbeitenden Unterricht, der durch das sog. Literaturgespräch dominiert wird und i. d. R. hohe Lehreranteile aufweist.

Phasen einer Literaturstunde:

0. Vorphase (prereading activities)
1. Textpräsentation/ Textbegegnung
2. Spontanphase/ Eindruckbefragung
3. Inhaltssicherung/ Verständniskontrolle
4. Problemeröffnung
5. Methodenreflexion (Eventualphase)
6. Erarbeitung
7. Verarbeitung/ Integration
8. Zusammenfassung/ Ergebinssicherung
9 Transfer/ Aneignung/ Anwendung
10. Übungs/ Kontrolle/ Transfer/ Bewertung
(Hausaufgabe)

Die Unterscheidung dieser Phasen ist natürlich eine vereinfachende Ausdrucksweise; in der Unterrichtspraxis überlappen und durchdringen sich manche Phasen, andere dauern vielleicht nur wenige Minuten oder gar Sekunden bzw. fehlen ganz.

Dessen ungeachtet, ist es wesentlich für das Gelingen einer Stunde, die Phasen klar zu eröffnen und abzuschließen, um bei den SuS Transparenz im Arbeitsprozess zu schaffen, sowie die Phasenübergänge zu gestalten.

Zu jeder Phase listet Einecke eine Reihe von Methodenvarianten, also Handlungsoptionen auf, aus denen die Lehrkraft die jeweils passende (die dem Text, der Lerngruppe und der Zielsetzung am ehesten gerecht wird) auswählen muss:

Varianten in der Phase der Motivation – Eventualphase (pre-reading activity)

  • Assoziationen zu einem Verbalimpuls
  • einstimmender Bildimpuls zum Thema des Textes
  • Vorgespräch über das im Text behandelte Thema
  • informierender Unterrichtseinstieg: Stundenthema, Stundenziel
  • Anschluss an vorhergehende Texte der Sequenz
  • Gespräch über Erwartungshaltungen dem Titel oder Autor gegenüber
  • Planungsgespräch über die Art der Textpräsentation
  • Überlegung zur Art der Textpräsentation

Varianten in der Phase der Textpräsentation

  • Vorlesen des Textes durch Lehrer
  • Vorlesen des Textes durch Schüler
  • Lesekette mehrerer Schüler
  • dialogisches Lesen mit verteilten Rollen
  • Mitlesen des Textes bei Lesevortrag
  • Stilles Lesen
  • Vorspielen des Textes von Tonband (eigene Fassung)
  • Vorspielen des Textes in professioneller Medienfassung
  • Lesen als Übung zum Hörverstehen
  • Stilles Lesen „mit dem Bleistift“, d.h. Markierungen am Rand
  • Vorlage des Textes auf einem Arbeitsblatt mit einem Bearbeitungsauftrag
  • Lesen des Textes in vorbereitender Hausaufgabe
  • Lesen des Textes mit einem Beobachtungsauftrag
  • Lesen mit Hilfe eines Analyserasters
  • Lesen mit einem Fragenkatalog
  • Lesen mit begleitendem Ausfüllen einer Textübersicht
  • Lesen des kompletten Textes
  • Lesen von Abschnitten mit Unterbrechung für Gespräche
  • Lesen ohne Titel – als Auswertungsimpuls
  • Lesen ohne Schluss – als Fortsetzungsimpuls
  • Vorlage des Textes als „Textpuzzle“
  • Vergabe gemischter Textabschnitte an Mitglieder einer Arbeitsgruppe zur      Textrekonstruktion
  • neutrales Lesen
  • expressives Lesen
  • interpretierendes Lesen
  • Leseübungen mit Besprechung des Lesevortrags
  • Lesen mit schriftlicher Ausformulierung des Leseeindrucks
  • Lesen einer Ganzschrift mit „Lesetagebuch“
  • Lesen mit assoziativen Marginalien oder Denkblasen     

Spontanphase

  • stummer Impuls als Aufforderung zur Stellungnahme
  • wörtliche Aufforderung, auf den Text zu reagieren
  • gezielte Frage in eine bestimmte Richtung
  • Schüler sprechen in freier Folge
  • Schüler sprechen im Kettengespräch
  • Schüler sprechen auf Handzeichen oder Anruf des Lehrers
  • Lehrer bleibt stumm
  • Lehrer schreibt wichtige Stichwörter auf der Tafel / Folie mit
  • Lehrer gruppiert Reaktionen optisch an der Tafel/Folie
  • Lehrer gruppiert Reaktionen mündlich durch eingeblendete Bündelungen
  • Lehrer verknüpft Reaktionen durch Kommentierungen
  • Lehrer stellt Reaktionen in Frage oder verstärkt sie
  • Schüler reagieren durch Kommentare zur Wirkung des Textes
  • Schüler reagieren durch Kommentare zum Inhalt des Textes
  • Schüler reagieren durch Kommentare zum Lesen oder Medienvortrag
  • Schüler reagieren durch Kommentare zum Problem
  • Schüler reagieren durch Assoziationen zum Text
  • Schüler reagieren durch Arbeits- / Untersuchungsvorschläge zum Text
  • Schüler reagieren durch elementhafte Inhaltswiedergabe
  • Schüler reagieren durch Hypothesen zur Textaussage / Bedeutung

Sicherung des Textverständnisses (Verständniskontrolle)

  • Schüler stellen Fragen zum Text (nur wesentliche, kein Verzögerungsspiel)
  • Schüler geben knapp Textinhalt wieder (Resümee)
  • Schüler antworten auf weite Lehrerfragen zum Text (Globalverstehen)
  • Schüler antworten auf engere Fragen zum Text (Detailverstehen)
  • Lehrer gibt richtige und falsche Thesen zum Text vor – Schüler sagen ja/nein
  • Schüler klären die Textsorte

Problemeröffnung – erste Phase der Reflexion und Erörterung

  • Aufnahme einer akzentuierten Eindrucksäußerung
  • Aufnahme einer Formulierung zur Textthematik
  • Aufnahme einer Formulierung zur Text-/Autorintention
  • Aufnahme eines Arbeitsvorschlags
  • Aufnahme einer Schülerfrage aus der Spontanphase
  • Frage nach dem auffälligsten Inhaltselement
  • Frage nach einem auffälligen Gestaltmerkmal
  • Frage nach einem Verstehensproblem
  • Unterscheidung des bereits Verstandenen und des noch zu Klärenden
  • Bestimmung einer zentralen Leerstelle
  • Bestimmung des Interpretationsbedarfs
  • Überlegung zu Schlüsselstellen
  • Formulierung einer ersten gemeinsamen Verstehenshypothese
  • Formulierung eines Such- und Arbeitsauftrags
  • Formulierung eines Problemansatzes

Varianten der Methodenreflexion – Eventualphase – bes. in höheren Klassen

  • Möglichkeiten der Problemlösung
  • Möglichkeiten der Textentschlüsselung
  • einsetzbare Verfahren der Analyse
  • ökonomische Sozialformen für die Erarbeitung
  • Planung der Ergebnisvermittlung

Varianten in der Phase der Erarbeitung

  • Themengelenkte Arbeit am Text
  • Problemorientierte Arbeit am Text
  • Rezeptionsorientierte Arbeit am Text
  • Erarbeitung eines Einzeltextes (z.B. Gedicht, Kurzgeschichte)
  • Erarbeitung eines zentralen längeren Textausschnitts (z.B. aus einer Ganzschrift)
  • Erarbeitung einer Reihe von Textstellen im Überblick
  • Erarbeitung zweier Textstellen im Kontrast
  • Anwendung von Analyseverfahren
  • Erarbeitung im fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch
  • Erarbeitung nach Aufträgen in Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenarbeit
  • Ergebnisfixierung: durch Markierungen am Text, Festhalten und Sortieren von Belegstellen, Exzerpte; Aus­führung von Aufgaben, Beantwortung von Fragen;  Erstellung eines Überblicks, einer Grafik, einer Folie etc.; Vorbereitung eines Ergebnisvortrags

Varianten in der Phase der Verarbeitung Integration

  • Einzelvortrag der Arbeitsergebnisse
  • sammelndes Unterrichtsgespräch
  • Abrufen einzelner Ergebnisse
  • Formen der Präsentation (Folie, Plakat…)
  • Wiederaufnahme der Fragestellung vor der Erarbeitungsphase und Lösung mit Hilfe    der Ergebnisse
  • Integration der Ergebnisse in ein Unterrichtsgespräch über das Ausgangsproblem
  • Gesprächsentwicklung nach Teilthemen, die sich an den Ergebnissen der Erarbeitung orientieren
  • exemplarische Vertiefung eines Teilthemas und kursorische Behandlung der anderen Ergebnisse
  • Entwickeln einer neuen Fragestellung auf einer höheren Abstraktions- und Problemebene
  • Klärung und Vertiefung der Verstehenshypothese aus der Phase der Problemeröffnung
  • Klärung einer weiterführenden Fragestellung mit Hilfe der erarbeiteten Ergebnisse
  • neuer Zugriff auf den Text mit Hilfe der erarbeiteten Kenntnisse
  • Anwendung der Er-/Kenntnisse auf eine neue Textstelle

Ergebnisfixierung / Zusammenfassung

  • Schüler fassen mündlich zusammen; ein einzelner, mehrere nacheinander
  • Lehrer fasst zusammen
  • Schüler schlagen Ergebnissatz vor
  • Schüler vergleichen die Endlage nach der Arbeit mit der Ausgangslage
  • Schüler nennen das Ausgangsproblem und die Problemlösung
  • Schüler schreiben ein Tafelbild ab

Transfer / Aneignung / Anwendung

  • Schüler stellen Bezug zu eigenen Erfahrungen her – Alltagstransfer
  • Schüler stellen Bezug zu anderen Texten her – fachlicher Transfer
  • Schüler stellen Bezug zu verwandten vorbehandelten Themen her – problemorientierter Transfer
  • Schüler schlagen weitere Konsequenzen für den nächsten Unterricht vor

Übung / Wiederholung / Kontrolle / Bewertung

  • Schüler wenden Untersuchungsverfahren auf anderen Text an
  • Schüler entwickeln ein ähnliches Tafelbild zu einem ähnlichen Text
  • Schüler verfassen ein Resümee über das Unterrichtsgespräch
  • Schüler beurteilen ihren eigenen Erkenntnisfortschritt
  • Schüler nennen die entscheidenden Argumente, die zum Ergebnis beitrugen
  • Schüler beurteilen die Tauglichkeit des eingesetzten Verfahrens
  • Schüler machen Verbesserungsvorschlage zum Stundenverlauf

Hausaufgabe

  • Schüler verfassen eine nachbereitende Hausaufgabe: z B die Ausformulierung einer Analyse
  • Schüler verfassen eine nachbereitende Hausaufgabe: z B einen Vergleich mit einem anderen Text
  • Schüler verfassen eine vorbereitende Hausaufgabe: Lektüre eines nächsten Textes,    Nachschlagen von Informationen zu einem Text, Unterstreichen von Auffälligem in    einem neuen Text etc.
  • Schüler erledigen ihre Hausaufgabe schriftlich, mündlich, mit einem bestimmten Medium, tabellarisch
  • Schüler erledigen eine schriftliche Hausaufgabe im Normalfall als Text, nur im Ausnahmefall in Stichworten
  • für die Hausaufgabe wird eine klare Aufgabenstellung gegeben, besonders das Operationsverb macht den Schülerinnen und Schülern klar, was sie zu tun haben

www.fachdidaktik-einecke.de

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