Literaturdidaktik: Produktive Verfahren

Handlungs- und Produktionsorientierung gilt als Gegenposition zum traditionell analytischen, einseitig kognitiv aus gerichteten, vor allem sprachlich vermittelten Literaturunterricht. Ein Deutschunterricht, bei dem die Schüler produktiv tätig werden, indem sie Texte ergänzen, umformen, imitieren usw., ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand.

Bild8

Die Produktions- und Handlungsorientierung ist als didaktisches Paradigma zu betrachten, das ausgehend von einem rezeptionsästhetischen Literaturverständnis Kreativität und Produktivität fördern will und das klassisch-analytisch angelegte Texterschließungsprozesse ersetzen oder ergänzen kann.

Im Fachseminar ging es mit zunächst einmal um eine Begriffsklärung, vor allem um eine definitorische Abgrenzung der Produktions- von der Handlungsorientierung. Diese beiden Begriffe werden in der Literatur häufig unscharf, oftmals auch synonym verwendet.

Handlungsorientierung ist ein Paradigma der Allgemeinen Didaktik, also fächerübergreifend. Der Begriff wurde Mitte der Achtzigerjahre vor allem durch die Publikationen von Hilbert Meyer einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er meint einen Unterricht, der sich mit dem Lerngegenstand handelnd auseinandersetzt, oftmals auch ein konkreten Handlungsprodukt erstellt, das einen spezifischen Gebrauchswert hat.

Produktionsorientierung ist der tendenziell jüngere Begriff. Bekannt wurde er in den Neunzigerjahren durch die Arbeiten von Waldmann u.a. Produktionsorientierung ist zunächst einmal ein Begriff der Literaturdidaktik, also domänenspezifisch, und meint die produktive Aneignung (literarischer) Texte.

Systematik der produktiven Verfahren

(nach Haas, Rupp und Waldmann)

Waldmann, Haas u. a. haben in den Neunzgerjahren eine Systematik produktiver Verfahren erstellt und unterschieden je nach Produktionsgegenstand/ Lernprodukt (s. PD, 1994, H. 123, S. 17-25):

  • textliche Gestaltung/ textproduktive Verfahren:

– restaurieren/ antizipieren (betrifft insb. Struktur, Aufbau, Inhalt)

– transformieren (betrifft insb. Figuren, Perspektive, Darbietungsformen)

  • szenische Gestaltung
  • visuelle Gestaltung
  • akustische Gestaltung

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit im Fachseminar waren sowohl die didaktischen Begründungen des textproduktiven Arbeitens mit Literatur als auch die Einwände / Kritik („Schändung des Kunstwerks“) sowie mögliche Repliken/ Rechtfertigungsansätze.

Phasenmodell nach G. Waldmann

Waldmann hat es nicht genügt, einen Katalog produktiver Verfahren quasi als Ideensteinbruch zu veröffentlichen, er hat sich auch Gedanken um eine Didaktisierung im Ablauf gemacht und ein Phasenmodell produktiver Verfahren für jede Phase einer Literaturreihe gemacht. Im Wesentlichen unterschiedet er fünf Phasen:

0. Vorphase: Spielhafte Einstimmung in den Text

1. Aktives und produktives Lesen des Textes

2. Produktive Konkretisation des Textes

3. Produktive Veränderung (z.B. von Sprache, Inhalt, Textstruktur…)

4. Produktive Auseinandersetzung mit dem Gesamtverständnisses des Textes (über den Text hinaus)

Die Folien dieser Fachseminarsitzung als PPT-Datei:

Handlungs- und Produktionsorientierung_neu

Chancen und Grenzen

Günther Einecke warnt vor der Missverständnis der Produktionsorientierung als der vermeintlich „leichteren“ Lösung im Literaturunterricht: Es wird ein kreativer Arbeitsauftrag formuliert, fleißig produziert und anschließend veröffentlicht. Über die Ergebnisse freuen sich alle. Und dann? Nichts weiter geplant oder Stunde zu Ende?

Produktion in Funktion

Genau wie Waldmann fordert auch Einecke eine zielgerichtete Auswertung der Schülerprodukte im Hinblick auf die Texterschließung. Produktion darf als nie Selbstzweck sein, sondern muss stets funktional zur Texterschließung gedacht werden. Aus den Schülerprodukten müssen neue (und möglichst tiefgründige) Erkenntnisse über den Text abgezogen werden.

Das macht aber den produktionsorientierten Literaturunterricht „schwerer“ als das klassisch-analytische Literaturgespräch:

Ohne Sachanalyse geht es nicht

Genau wie bei traditionellen Texterschließungsverfahren muss auch beim produktionsorientierten Unterricht der Text zunächst analytisch durchdrungen werden. Zusätzlich müssen geeignete produktive Verfahren ausgewählt werden, die

  •  zum Charakter des Textes passen
  •  der Lerngruppe (Alter, Kenntnisstand, Motivation etc.) gerecht werden
  •  im Hinblick auf meine Lernziele erfolgversprechend bzw. ertragreich sind

Drittens müssen die (häufig sehr disparaten) Schülerprodukte zielgerichtet und zeitökonomisch im Hinblick auf die Texterschließung „ausgebeutet“ werden. Dies erfordert von der Lehrkraft eine hohe Flexibilität, gute Interaktionskompetenzen (Moderationstechniken) und eine gute Antizipationsfähigkeit, was den Unterricht betrifft.

Typisch für Berufsanfänger*nnen ist daher, dass sie mit hohem Engagement, Mut und vielen guten Unterrichtsideen an kreative Umsetzungen herangehen, eine hohen zeitlichen, organisatorischen und methodischen Aufwand treiben, der aber zu einem vergleichsweise schmalen fachlich-inhaltlichen Ertrag führt.

Günther Einecke rät daher, erst einmal Sicherheit im klassischen analytisch-erarbeitenden Unterricht zu gewinnen und dann sukzessive den eigenen Unterricht mit produktiven Verfahren anzureichern.

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