Faust – gesnappt: Visuelle Literaturinterpretation mit Snaptchat

Was ist Snapchat?

„Bei Snapchat kann man Gesichter falsch zuordnen und produziert Sachen, die Sekunden später weg sind – in der Schule heißt das Unterricht“, witzelt die Autorin und Lehrerin Kerstin Brune (@BruneKerstin) auf Twitter.

Tatsächlich überlegen viele Kolleginnen und Kollegen, wie sie die bei Schülerinnen und Schülern beliebte App im Unterricht gewinnbringend einsetzen können.

koenig_snapchatWie Twitter ist Snapchat ein Microblogging-Dienst, allerdings steht – trotz eingebauter Chatfunktion – das visuelle Bloggen oder Storytelling im Vordergrund. Diese App eignet sich also besonders zur visuellen Aufbereitung und zum Teilen von Informationen. Wie Snapchat funktioniert, kann man z.B. hier nachlesen: http://philippsteuer.de/snapchat-guide-so-funktioniert-snapchat/

Storytelling im Deutschunterricht ist möglich zum Thema Bildergeschichten, zu einer Anleitung (z.B. Kochrezept, Bastelanleitung), Vorgangs- oder Wegbeschreibung.

Hauptmerkmal von Snapchat ist allerdings, dass die Snaps sehr kurzlebig sind. Im privaten Modus verschwinden sie direkt nach Ansehen, spätestens aber nach 10 Sekunden, im Bereich Meine Geschichte können Snaps für 24 Stunden gespeichert werden. Danach löschen sich die Bild- oder Videodateien selbst.

Die Lehrerin und Bloggerin Monika Heusinger (@M_Heusinger) fragt also konsequenterweise nach didaktischen Szenarien, bei denen die Kurzlebigleit erwünscht ist, und zeigt verschiedene Anwendungsbeispiele aus dem Unterricht auf: http://monika-heusinger.info/blog/snapchat

Bei Snapchat können, anders als bei anderen Sozialen Netzwerken, etwa Facebook oder WhatsApp, keine Gruppenfreigaben definiert werden. Der Bereich Meine Geschichte ist für alle geaddeten Snapchat-Freunde sichtbar. Viele SuS wollen aber nicht, dass alle ihre Freunde sehen, was sie für die Schule gemacht haben. Dafür gibt es im Bereich Meine Geschichte es die Option „Herunterladen“. Snapchat speichert dann die Fotostrecke als kurzes Video auf dem Handy. Danach kann man es z.B. als E-Mail-Anhang oder bei Bilddatei über WhatsApp verschicken. Man kann die Snaps auch durch Screenshots nach dem Verschwinden verfügbar machen. Dies wird dem Absender jedoch angezeigt.

Wozu im Deutschunterricht?

Visuelle Verfahren zur szenischen Interpretation literarischer Texte sind spätestens seit der Veröffentlichung von Ingo Schellers gleichnamigem Werk im Jahre 1986 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Visualisierung ist eine beliebte Textzugriffsweise, da sie zur Konzentration, Verknappung und Verdichtung nötigt, Schwerpunktsetzung und Reduktion auf das Wesentliche erfordert, was wiederum eine Durchdringung des Textinhalts voraussetzt.

Schülerinnen und Schülern fällt es oft nicht leicht, einen Zugang zur „Höhenkamm-Literatur“ zu finden. Visualisierung bietet eine Möglichkeit zur handelnden, selbstständigen Auseinandersetzung mit Literatur und ist eine Alternative zum traditionellen, in der Regel rein sprachlich vermittelten Literaturunterricht. Viele Schülerinnen und Schüler verfügen intuitiv über ein gutes Textverständnis, tun sich aber schwer mit der Versprachlichung ihrer Textbeobachtungen. Beim visuellen Textzugriff kann Vieles zunächst implizit bleiben, um dann einer späteren Kognitivierung zugeführt zu werden.

Zum Visualisieren ist natürlich nicht unbedingt Snapchat nötig. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten aber gerne und kompetent mit der App und sind dadurch intrinsisch motiviert. Zudem bietet sie viele zusätzliche Bearbeitungsmöglichkeiten: Die Bilder können mit Filtern, Emojis, Symbolen und Textbannern versehen werden, auch freies Zeichnen ist möglich. Die Effekte/ Features von Snapchat eignen sich gut zur kreativen visuellen Gestaltung literarischer Inhalte.

Die Kurzlebigkeit ist dort hilfreich und erwünscht, wo Inhalte den Schülerinnen und Schülern vielleicht ein bisschen „peinlich“ sind. Sie senkt die Hemmschwelle der Schülerinnen und Schüler, sich auf die Methode des Standbildbauens einzulassen und ihren Körper als Instrument einzusetzen. Wie Ergebnisse trotzdem gesichert werden können und wie mehrmaliges Ansehen möglich ist, siehe unten.

Zur technischen Umsetzung

Der Smartphone-Besitz von Jugendlichen liegt laut der neusten JIM Studie bei über 90% und auf vielen Smartphones ist Snapchat installiert, sodass es kein Problem ist, bei einer Gruppenarbeit je 1 Schüler pro Gruppe zu finden, der über die nötige technische Ausstattung verfügt.

An dieser Stelle wird öfters diskutiert, ob es zumutbar ist, an Schulen ohne WLAN die Schüler mit ihrem privaten Datenvolumen quasi auf eigene Rechnung für schulische Zwecke arbeiten zu lassen. Die Frage wird interessanterweise nie gestellt, wenn es darum geht, Schüler von ihrem eigenen Geld bzw. dem Geld der Eltern analoges Unterrichtsmaterial wie Hefte, Stifte, Zeichenblöcke etc. kaufen zu lassen.

Manche Schüler hatten Bedenken, die Snaps in ihrer eigenen Geschichte zu veröffentlichen, weil dann alle ihre Freunde sehen, was eigentlich im Kontext von Schule und Unterricht verbleiben sollte. Deswegen wurden die Snaps nur wenige Minuten in Meine Geschichte zwischengespeichert, dann lokal auf das Schülerhandy heruntergeladen und anschließend in die klasseneigene WhatsApp-Gruppe verschickt. Dort besteht die Möglichkeit, den Chat zu archivieren oder – wie bei Snapchat auch – Screenshots zu machen. So können die Snaps mehrfach angeschaut werden, was für eine kritische Reflexion der eigenen Produkte unverzichtbar ist.

Unterrichtsbeispiel und Reflexion

Die Schülerinnen und Schüler des Deutsch E-Kurses (Kurs mit erweitertem Anforderungsniveau) der 11. Jahrgangsstufe haben „Faust. Der Tragödie erster Teil“ ganz gelesen und die einzelnen Szenen in einer Kapitelübersicht zusammengefasst, sind also mit der Handlungsstruktur vertraut. Zusätzlich bekamen sie von mit zu Beginn der Stunde noch einmal Stichwortlisten zu folgenden Teilaspekten der Handlung ausgeteilt.

  1. Fausts Entwicklung
  2. Gretchens innere (seelische) Entwicklung
  3. Gretchens äußere (soziale) Entwicklung
  4. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Gretchen und Faust

In arbeitsteiligen Gruppen sollten sich die SuS von der rund 15 Punkte umfassenden Liste je 4 Phasen/ Situationen aussuchen, die sie für wesentlich erachten, und die passenden Belegstellen im Text suchen. Diese 4 Szenen sollten sie in Form eine Standbildes darstellen. Das Verfahren des Standbildbauens wurde schon zu Beginn des Schuljahres im Rahmen der Unterrichtsreihe „König Ödipus“ eingeübt. Viele SuS kannten die Methode auch schon aus ihrem früheren Deutschunterricht.

Die Standbilder sollten mit Snapchat erstellt, den entsprechenden Tools der App bearbeitet und dann als Geschichte, vergleichbar einer kurzen Fotostory oder einem Comicstrip veröffentlicht werden. Die Bearbeitungszeit für die Auswahl der Textstellen, die szenische Umsetzung und technische Bildbearbeitung betrug insgesamt 20 Minuten, was sich als vollkommen ausreichend erwies, da die SuS sehr kompetent und geübt sind, sodass sie schnell mit der App klarkommen. Anschließend wurden die Snap-Stories im Kurs geteilt, im Plenum veröffentlicht und analysiert.

Schülerbeispiel:

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Szene „Hexenküche“: Faust erblickt Helenas Bild im Spiegel
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Szene „Gartenhäuschen“: Die erste Liebesbegegnung zwischen Faust und Gretchen – Mephisto greift ein
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Szene „Gretchens Stube“: Reflexion des Liebeserlebens
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Szene „Kerker“: Faust wird von Mephisto weggeführt

Natürlich darf der Unterricht nicht mit der Erstellung und Veröffentlichung der Schülerprodukte enden. Eine Kognitivierungsphase ist zwingend erforderlich, wenn es nicht beim bloßen Aktivismus bleiben soll.

Der Vergleich der Schülerprodukte und die Begründungen der einzelnen Gruppen für die formale Gestaltung des Bildaufbaus und der Bildkomposition (Mis en scène) bieten zahlreiche Ansatzpunkte für Literaturgespräche und eine tiefgründige Interpretation.

Impulse für ein Auswertungsgespräch könnten sein:

  1. Beschreiben Sie die Darstellung und identifizieren Sie die abgebildeten Personen!
  2. Ordnen Sie die Szene einer Textstelle zu und begründen Sie Ihre Einschätzung!
  3. Erläutern Sie Ihre Szenenauswahl: Welche Funktionen haben diese Szenen für die Handlung?
  4. Beschreiben Sie Mimik, Gestik und Körperhaltung der Personen sowie ihre Stellung im Raum!
  5. Was sagt dies für die Beziehung der Figuren zueinander (zu diesem Zeitpunkt der Handlung) aus?
  6. Vor welchem Hintergrund spielt die Szene? Warum wurde gerade diese Kulisse ausgewählt?

etc.

Beispielanalyse:

Im letzten Bild ist die Raumsemantik besonders aussagekräftig: Bewusst wurde das Treppenhaus als symbolischer Ort ausgewählt: Die Gitterstäbe der Geländer schaffen eine Kerker-Atmosphäre, während die Treppen einen Auf- und Abstieg symbolisieren, der gesellschaftlich, moralisch oder sozial interpretiert werden kann: Faust ist auf dem moralischen Tiefpunkt angekommen, er wird vom Teufel herabgezogen. Gretchen steht – obwohl gesellschaftlich geächtet – auf der Stufenleiter der Moralentwicklung über ihm, wird von einer religiösen oder himmlischen Instanz „gerettet“. Das Schild „Notausgang“ im Hintergrund verweist nicht nur auf den Ausgang des Dramas, sondern stellt symbolisch die Frage nach möglichen Auswegen, Handlungsalternativen für Faust und Gretchen…

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11 Gedanken zu “Faust – gesnappt: Visuelle Literaturinterpretation mit Snaptchat

  1. Danke für die ausführliche Beschreibung – verlinke ich gerne bei mir im Blog. Was für mich aber nicht ganz aufgeht: Die Flüchtigkeit von Snapchat verschwindet doch gerade, wenn die Bilder in einer WhatsApp-Gruppe geteilt werden? Der ideale Weg wäre wohl ein Snapchat-Account für die Schule, nicht?

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  2. Lieber Peter,

    ich schreibe aus einer Perspektive heraus, die mich gerade selbst sehr beschäftigt. Das heißt: Aus einer allgemeinen Infragestellung digital medialer Aufbereitungen. Dass ich selbst die Anwendung neuer Medien (also nicht Neuer Medien, sondern einfach allem, was neu aufkommt) wichtig finde, um mediale Prozesse zu reflektieren, ist dir ja bekannt. Was mich umtreibt ist die Frage danach, ob es tatsächlich so ist, dass ein neuer Zugang eröffnet wird. Ich schreibe bewusst nicht „Mehrwert“ oder ähnliches. Wenn ich mir nun deine Reflexion am Ende ansehe, ist das in der Tat überzeugend. Zumindest dann, wenn es von den Schülern so verbalisiert wird. Aber dann sind wir doch wieder an dem Punkt, wo wir sagen: Egal wie viel (medial aufbereitete) Handlung- und Produktionsorientierung (z.B. nach Spinner), immer wird betont, dass es gerade die analytische Objektivierung ist, die zu einem wirklichen, problematisierenden Zugang führt.
    Bei den aufgeführten Snaps bezweifle ich jedoch, ob eine solche Objektivierung stattfindet. Denn die Snaps sind doch großteils im Grunde eine relativ oberflächliche Darstellung des Inhalts (wieder einmal: Es sei denn, die Schülerinnen und Schüler haben es geschafft, aus den jeweiligen Darstellungen eine tiefgreifende Reflexion zu machen).
    Ich weiß einfach nicht, ob eine solche Herangehensweise zeitlich zu dem Ertrag steht, der damit erreicht wird. Und dies ist eine Frage, die ich mir nicht nur hier, sondern auch bei mir selbst immer wieder stelle.
    Ich hoffe, dass ich es schaffe, diese Kritik so zu formulieren, dass es nicht als eine generelle Ablehnung, sondern als offener Zweifel ankommt, der diskutiert werden kann.

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    1. Der zeitliche Aufwand (20 Minuten) war nicht höher als bei einem herkömmlichen Unterrichtsgespräch. Somit ist für mich die Relation Aufwand-Ertrag in Ordnung. Snapchat ist in der Tat kein grundsätzlich neuer Zugang, sondern der bekannte szenisch-theaterpädagogische Textzugang in neuem technischem Gewand. Der Benefit beim Storytelling mit Snapchat kann – jenseits motivationaler Mätzchen – m.E. darin liegen, dass die SuS durch die Kurzlebigkeit sich freier fühlen und Hemmschwellen, sich zu zeigen und seinen Körper einzusetzen, abgebaut werden.

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      1. Ja, das habe ich auch so verstanden. Ich merke, dass ich es selbst schwierig finde, meine Bedenken so zu äußern, dass es nicht als bloßes Kritisieren um der Kritik Willen verstanden wird. Ich selbst verwendete ja auch schon Twitter und Facebook oder auch bloße theatrale Verfahren.
        Die Frage, die bleibt, ist die, ob die Art der Aufbereitung dort ankommt, wo es in der Tat für Schülerinnen und Schüler schwierig wird. Wahrscheinlich ist es schwer zu beantworten.

        Im Übrigen und obwohl ich denke, dass du das weißt: Mir geht es hier nicht darum, dich in eine Ecke zu drängen oder deine Arbeitsweise in Frage zu stellen. Ich sehe mich selbst als Teil einer Community, die es gerne sehen würde, dass Soziale Medien und Apps im Unterricht eingesetzt werden. Das weißt du. Um dies jedoch zu tun, sollten diese Formen, wie ich finde, aber auch „wasserdicht“ sein. Deine Anwendung und deine Erläuterungen tragen ja dazu bei, dass man den Gebrauch auch begründen kann. Bei einer eher konservativen Zunft wie den Lehrern ist das ein wichtiger Baustein.

        Die für mich nicht mehr nachvollziehbaren Reaktionen auf Twitter auf einfachste Kritik (nicht die von dir) zeigen aber, dass selbst einfache Bedenken nicht geäußert werden sollen. Ich finde, so zementiert sich die Filterblase, in der wir alle ja sowieso schon sind.

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  3. Liebe Bob,
    ich verfolge das auf Twitter nun auch schon seit einiger Zeit – und die Reaktionen auf Peters Tweet fand ich insgesamt mehr als verwunderlich. Sie wirkten auf mich – wohlgemerkt als Reaktion auf lediglich einen einzigen Tweet und bis dahin ohne Kenntnis des genaueren unterrichtlichen Kontexts – blasiert und überheblich. Und damit meine ich explizit nicht deine Tweets. Diese empfand ich, nachdem Peters Idee nun schon ausreichend zerpflückt und mit reichlich Rechtfertigungsdruck versehen wurde, als schlichtweg überflüssig und wiederholend. Dass das auf Twitter offensichtlich einigen anderen ebenso geht wie mir, und dass sie diesen Unmut nun auch deutlich zum Ausdruck bringen, ist darum kein Zeichen einer sich zementierenden Filterblase, sondern lediglich Ausdruck der Unterstützung für Peter, der in den letzten Tagen ausreichend Unmut für den Rest des Schuljahres abbekommen hat.
    Liebe Grüße.

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    1. Lieber Heiko,

      die vorhergehende Diskussion ging an mir vorbei, d.h. dass ich nicht weiß, was davon schon gesagt wurde. Ein Hinweis darauf wäre hilfreich gewesen, da ich auch 24/7 nachschaue, was schon gesagt wurde. Die Reaktionen auf mich waren in einem bestimmten Fall übrigens nicht nur zementierend, sondern schlicht frech. Ich frage mich, was Leute über mich denken, die seit Jahren mitbekommen, wie ich über die Dinge spreche. Und plötzlich soll ich der böse Verweigerer sein? Da mache ich nicht mit.

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