Die App-schaffung der Langeweile: Drei Unterrichtsideen mit WhatsApp

 

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Die Nutzung von WhatsApp ist mittlerweile Standard zur Vereinbarung von Terminen, Abgabe kurzer Statusmeldungen und privater Kommunikation generell. Trotzdem begegnet man einer weit verbreiteten Hemmung bei Lehrkräften, diese App für den Unterricht zu benutzen.

Was kann auf Einwände entgegnet werden, und welche Möglichkeiten der konstruktiven Nutzung von WhatsApp im (Deutsch-)Unterricht sind denkbar?

Die aktuelle Rechtslage

WhatsApp ist eine Mischform aus Kurznachrichtendienst (Instant Messenger) und Chat. Es ist verwandt mit den sozialen Netzwerken, weil man auch Communities (Gruppen) bilden kann. Im Saarland sind – anders als in anderen Bundesländern – soziale Netzwerke in der Schule nicht generell verboten. Die unterrichtliche Nutzung für SuS verpflichtend zu machen, ist nicht unproblematisch, weil im Saarland laut Rundschreiben die Weitergabe personenbezogener Daten in sozialen Netzwerken in der Schule verboten. Dazu gehören auch Telefonnummern.

Zur Kritik an WhatsApp

In Gesprächen mit Lehrkräften kommen – jenseits schulischer Handy-Verbote – immer wieder drei Argumente zur Sprache, um eine ablehnende Haltung gegenüber dem Einsatz von WhatsApp zu begründen (Der Lehrer, Dozent und Blogger Philippe Wampfler (@phwampfler) hat sich hier ebenfalls schon Gedanken darüber gemacht):

Einwand Nr. 1:

Die Nutzung von WhatsApp ist datenschutzrechtlich bedenklich: Die Daten werden auf Servern in den USA oder anderen Ländern gespeichert, wo nicht die deutschen Datenschutzrichtlinien gelten.

WhatApp ist in Bezug auf den Datenschutz bedenklich, und es wäre wünschenswert, wenn es eine vergleichbare App gäbe, die keine Datenschutzprobleme aufweist.  Allerdings gibt es generell keine Online-Aktivität ohne Datenschutzprobleme, ob es sich um das Versenden ein E-Mail, die Websuche mit Google oder irgendeine andere Nutzung des Internets handelt – und zwar völlig unabhängig davon, ob ein Tool im Unterricht genutzt wird oder nicht. Datenschutzprobleme müssen auf politischer Ebene gelöst werden; es macht keinen Sinn, sie auf dem Rücken von Schülern und Lehrkräften auszutragen.

Natürlich kann ich statt WhatsApp auch Alternativen wie Threema oder andere exotische Apps benutzen. Es bliebt aber die Frage, ob ich dadurch nicht Hürden aufbaue, die ich eigentlich durch die Nutzung des vertrauten Mediums gerade vermeiden will.

Einwand Nr. 2:

Die Schule kann die Nutzung von WhatsApp nicht einfach voraussetzen. Lehrpersonen dürfen den Eltern nicht vorschreiben, dass ihr Kind mit WhatsApp ausgerüstet zur Schule kommen muss.

Die Schule setzt auch die Benutzung von Büchern voraus. Ebenso setzt sie die Nutzung des Telefons voraus, wenn SuS sich z.B. vor Unterrichtsbeginn in der Schule krankmelden müssen. Die Benutzung von Stiften und Papier schreibt die Schule ebenfalls vor.

Wie würden wir mit der Position von Eltern umgehen, die argumentieren, dass ihre Kinder aus umweltethischen Gründen kein Papier benutzen dürfen, sondern alle Mitschriften und Hausaufgaben papierfrei auf Laptop oder Smartphone anfertigen?

Wenn es einen gesellschaftlichen Konsens über die Nutzung eines bestimmten Kommunikationsmittels oder Mediums gibt, dann kann und sollte dieses auch in der Schule verwendet werden. Über die Verwendung von WhatsApp besteht in der Gesellschaft Einhelligkeit. Außerdem erfordert sie weniger Ressourcen (Zeit, Energie) als die Alternativen E-Mail oder „Zettelwirtschaft“.

Einwand Nr. 3:

Ein Schulbesuch soll für alle, unabhängig vom Einkommen, erschwinglich sein. Bei der Nutzung von WhatsApp fallen unnötige Kosten für ein Smartphone bzw. für den mobilen Datenverkehr an.

Dieses Argument relativiert sich, wenn man die Perspektive wechselt: Von Eltern wird ganz selbstverständlich verlangt, aus eigenen Mitteln analoge Lernmittel wie Zeichenblöcke, Wasserfarbkasten, Stifte etc. oder auch Schwimmanzug, Turnschuhe usw. für den Sportunterricht  vorzuhalten. D.h., wenn ich Smartphones durch andere Materialien ersetze, kommt diese Diskussion nicht auf. Natürlich sind Möglichkeiten der Bezuschussung zu prüfen für Eltern, die sich das nicht leisten können.

 

Unterrichtsidee 1: Social Reading

Social reading ist die Variation des bekannten Schreibgesprächs (oder: Placemat) in einer elektronischen Schreibumgebung: Die SuS bekommen eine These oder einen anderen Impuls vorgelegt und äußern sich reihum schriftlich dazu.

Der Vorteil gegenüber dem analogen Schreibgespräch ist, dass Äußerungen von allen SuS der Lerngruppe in Echtzeit mitgelesen und kommentiert werden können.

 

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Schreibgespräch mit WhatsApp als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Joseph Roth, Hiob“: Die Schüler äußern sich zum Ausgangsimpuls „Was versteht ihr unter einer Hiobsbotschaft?“

 

Unterrichtsidee 2: Lesetagebuch

Eine andere Möglichkeit ist, das klassische Lesetagebuch über eine klasseninterne WhatsApp-Gruppe führen zu lassen. Die SuS schreiben parallel zur Lektüre ihre Leseeindrücke und Fragen und können die der Mitschüler lesen, beantworten oder kommentieren.

Die SuS tauschen sich ohnehin über Hausaufgaben u.ä. in WhatsApp-Gruppen aus. Durch die feste Implementierung im DU wird der Medienbruch zwischen häuslichem und schulischem Lernen vermindert. Die SuS sind motivierter, etwas über das vertraute Medium zu schreiben.

Unterrichtsidee 3: Second Screen

Ein eher ungewöhnliches Beispiel, WhatsApp im Unterricht zu benutzen, ist die Erweiterung des klassischen Lehrervortrags oder Unterrichtsgesprächs durch einen Backchannel.

Beim klassischen analogen Erarbeitungsgespräch beteiligen sich immer nur ein Teil der SuS aktiv, andere hören zu, andere gar nicht.

Es ist schwierig für die Lehrperson, den einzelnen Schüler mit seinen Bedürfnissen, Fragen, Erfahrungen wahrzunehmen. Backchannel bedeutet, dass die SuS per WhatsApp am Smartphone während des Unterrichtsgesprächs still Fragen stellen und kommentieren können.

Dieses Unterrichtsgespräch 2.0 Das Ganze erinnert an Webinare oder MOOCs, die als Google Hangouts oder mit Adobe Connect geführt werden und bei denen es den Teilnehmer möglich ist, simultan auf einem Second Screen Fragen zu stellen. Das ganze Gespräch ist später abrufbar und kann weiter bearbeitet werden

Das Gleiche lässt sich natürlich auch über eine Facebook-Gruppe gestalten. WhatsApp und Facebook sind die Tools der Wahl, wenn es für SuS darum geht, ohne großen Aufwand gezielt Hilfe bei Hausaufgaben zu erhalten. Per Handykamera werden Tafelbilder, Aufgaben oder Texte abfotografiert und in die sozialen Netzwerke gestellt. In Kommentaren werden Fragen diskutiert und Lösungen angeboten.

Klassen schließen sich zu Netzwerken zusammen, z. B. bei Facebook oder WhatsApp. So sind Gespräche möglich, bei denen die ganze Klasse zuhören kann und alle Mitglieder sich äußern und Inhalte anderen mitteilen können (auch Dokumente, Bilder etc.). Auf diese Art und Weise kann der Unterricht dokumentiert werden (Tafelbilder, Hausaufgaben, Arbeitsmaterialien, Termine etc.).

Es wäre z. B. möglich, SuS in Stillarbeit ein Arbeitsblatt bearbeiten zu lassen, und parallel läuft per Chat bei WhatsApp die Diskussion und Entscheidungsfindung mit. So ist es möglich, ohne großen Zeitaufwand auch von Zuhause aus in Gruppen gemeinsam zu lernen und produktiv zu sein.

Fazit

WhatsApp hat jeder, kann jeder und nutzt jeder. Natürlich kann eine Schule den Standpunkt vertreten: Wir bilden einen Schutzraum, um SuS möglichst lange von digitaler Kommunikation zu verschonen. Ich halte diesen bewahrpädagogischen Ansatz jedoch für wenig konstruktiv.

Es gibt im Leben der Digital Natives keine „handyfreien Zonen“. SuS erleben das Aussperren vertrauter Medien als einen Bruch zwischen häuslichem und schulischem Lernen und Arbeiten.

Es ist zielführender – gerade aufgrund der berechtigten Kritikpunkte – die SuS an eine reflektierte Praxis heranzuführen.

Das Mindestalter für WhatsApp liegt bei 16 Jahren. Deshalb halte ich den Einsatz ab Klasse 10 für eine sinnvolle Grenze. In der Oberstufe können Lehrkräfte voraussetzen, dass SuS ein Smartphone für schulische Aufgaben einsetzen. Viele informelle Gespräche mit Schülern darüber, wie und womit sie lernen, bestätigen diese Einschätzung. Die Beschränkung auf die Oberstufe ist ziemlich restriktiv; in Zukunft sind liberalere Lösungen denkbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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