Twitter im Deutschunterricht: Drei Unterrichtsideen

Intro

Twitter ist ein Microblogging-Dienst, der es erlaubt, kurze Botschaften von max. 140 Zeichen zu senden. Gedacht ist er eigenttlich zum Abgeben von kurzen Statusmeldungen. Ich kann anderen Usern „folgen“, das heißt, ihre Posts abonnieren, wie bei einem Zeitschriften- Abo. Ich kann auch wieder ent-folgen, d.h. das Abo „kündigen“. Die Summe aller abonnierten Tweets bildet meine „Timeline“. Die Tweets erscheinen dort in chronologischer Reihenfolge, manchmal auch geordnet nach Relevanz (Reichweite)- je nach Einstellung.

Weitere typische Verfahren sind das „Faven“ und „Retweeten“. Faven ist die in anderen sozialen Netzwerken auch als „Liken“ bekannte „Gefällt mir“-Angabe unter einem Tweet, mittels virtuell verteilter „Herzen“. Retweeten bedeutet, dass ich einen Tweet reblogge, ihn also in meinem eigenen Netzwerk poste. Ich kann auf Tweets in meiner Timeline antworten, indem ich den Reply-Button unter dem Tweet (nach links gerichteter Pfeil) anklicke. Antwortet ein User, dem ich folge, auf den Tweet eines Users, dem ich nicht folge, ist diese Antwort für mich nicht sichtbar.

Markantestes Kennzeichen von Twitter ist der sogenannte „Hashtag“ (Doppelkreuz oder Raute: #). Der Begriff ist mittlerweile in die Jugendsprache eingegangen und auch Nicht-Twitterern geläufig. Durch Hashtags kann ich Schlüsselbegriffe in einem Tweet markieren und ihn dadurch „verschlagworten“. Mit der Suchfunktion kann ich gezielt nach Tweets zu einem bestimmten Hashtag suchen. Ich kann Hashtags „folgen“. Die Suche nach dem Hashtag #edchatde beispielsweise führt zu einer chronologischen Liste aller Beiträge des gleichnamigen Chats für Lehrende (jeden Dienstag 20-21 Uhr), die von unterschiedlichen Accounts gesendet wurden.

Für die Nutzung von Twitter gibt es verschiedene Apps (z.B. Tweetbot oder native App) sowie Webanwendungen. Zur professionellen Nutzung empfiehlt sich TweetDeck, ein Webtool, mit dem man mehrere Timelines spaltenweise nebeneinanderlegen und quasi „synoptisch“ betrachten kann. TweetDeck ermöglicht auch das Programmieren von Tweets, die dann automatisch zu einer festgelegten Uhrzeit versendet werden.

Idee 1: Klassiker im Twitterformat

Bei der Suche nach Einsatzmöglichkeiten im Deutschunterricht stellt sich die Frage nach didaktischen Szenarien,  bei denen eine strikte Zeichenbegrenzung erwünscht ist. Die Limitierung zwingt zu sprachlicher Präzision, Wortschatzarbeit, Verkürzung und Raffung, Verknappung und Verdichtung, Schwerpunktsetzung und Reduktion auf das Wesentliche. Das lässt sich z.B. bei Textzusammenfassungen oder Inhaltsangaben nutzen. Die Schüler teilen die Kapitel eines Romans, Szenen eines Dramas, Leseabschnitte einer Erzählung, eines Sachtextes etc. unter sich auf und verfassen konzise, knapp-gedrängte Zusammenfassungen im Twitterformat. Die Schülertexte werden sukzessive online gestellt und mit einem gemeinsamen Hashtag z. B. #KafkasVerwandlung getaggt. Die Suche nach dem Hashtag führt dann zu einer chronologischen Liste der Kapitelzusammenfassungen.

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Gib eine Beschriftung ein

Idee 2: Weltliteratur neu gezwitschert

Bei dieser Idee wird Twitter zum Medium eines Rollenspiels. Zunächst wird für jede (Haupt-)Person eines literarischen Textes ein eigener Twitteraccount angelegt. Die dazu benötigten verschiedenen E-Mail-Adressen lassen sich leicht bei einem freien Anbieter generieren. Dann wird ein aussagekräftiger Benutzername (z.B. @GregorSamsa) und eine dazugehöriges Passwort gewählt.

Das literarische Werk wird in Rollen aufgeteilt, es empfiehlt sich Partnerarbeit oder Kleingruppen mit 3-5 Schülern pro Rolle. Die Schüler twittern nun für einen festgelegten Zeitraum in der Ich-Form aus der Figurenperspektive heraus und formulieren so ihre Gedanken, Assoziationen, Ahnungen… Sie schreiben regelmäßig Tweets in der Rolle (z.B. einen nach jeder Deutschstunde oder einen pro gelesenem Kapitel). Sie haben auch die Möglichkeit, Replies auf Tweets der anderen Figuren zu verfassen. So fangen die literarischen Figuren an zu interagieren. Die Schüler präsentieren ihre Tweets in der Klasse und erläutern ihre inhaltliche und sprachliche Gestaltung. Dadurch wird nicht nur der Textinhalt und der Charakter der literarischen Person, ihre Entwicklung usw., sondern auch ihre spezifische Sprache reflektiert.

Im Folgenden eine Umsetzung aus dem Unterricht des Schweizer Deutschlehrers, Bloggers und Autors Philippe Wampfler (@phwampfer):

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Quelle: https://schulesocialmedia.com

Idee 3: Kurzprosa 2.0

Die Schüler nutzen das Twitterformat um innerhalb der 140-Zeichen-Begrenzung eigene Schreibversuche zu starten. Die Produkte können über den Klassenaccount gepostet, veröffentlicht und von den Mitschülern (bzw. allen Twitter-Usern) kommentiert werden. Es bieten sich epische und lyrische Kurzformen wie Aphorismus, Epigramm, Distichon, Elfchen, Haiku etc. an.

Eine andere Möglichkeit sind Kürzeststories wie die bekannten @tiny_tales des Autors Florian Meimberg (vgl. Praxis Deutsch Nr. 249 / Januar 2015, S. 40-42):

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Den Stundeneinstieg bildet die erste Textbegenung sowie eine Spontanphase/ Eindrucksbefragung. Impulse für ein anschließendes Unterrichtsgespräch könnten sein:

  • Um welche Textsorte könnte es sich handeln?
  • Ist das überhaupt sein Text? Wenn ja, warum? Wenn nicht, warum nicht?
  • Wer schreibt solche Texte? Warum? Wo würde man solch einen Text erwarten?

Als nächstes wäre zu klären, inwieweit die @tiny_tales durch die Restriktionen des Mediums Twitter bedingt sind. Auch der biografische Hintergrund des Autors (F. Meimberg ist Werbefilmregisseur) ist prägend: Sein Metier sind Kürzestgeschichten von wenigen Sekunden Dauer.

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Ein vertiefender Schritt wäre die Frage nach dem Bauprinzip: Wie „funktionieren“ solche Geschichten? Warum werden sie trotz ihrer Kürze sofort verstanden?

Viele Geschichten spielen auf bekannte Schemata oder Genres an, wie die obigen Beispiele auf bekannte Bibelszenen. Die Geschichten sind immer auf das Ende hin konzipiert. Der letzte Satz bildet die Schlusspointe – oft eine unerwartete Wendung, ein Spiel mit den Erwartungen des Lesers, die bewusst fehlgeleitet werden.

Abschließend werden die Schüler ermutigt, selber Texte nach dem Muster der @tiny_tales zu gestalten und sie über der Klassenaccount bei Twitter zu veröffentlichen. Tun sie sich damit schwer, kann auch in einem vorhandenen @tiny_tale die Pointe (Schlusssatz) weggelassen und nur dieser Teil von den Schülern gestaltet werden. Die selbst erfundenen Schlüsse werden dann mit dem Textoriginal verglichen.

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Organisation

Die Lehrperson kann einen Klassenaccount erstellen und den Schülern die Zugangsdaten (Nutzername und Passwort) weitergeben. So kann sich die ganze Lerngruppe über denselben Account einloggen und niemand ist gezwungen, sich mit seinen persönlichen Daten zu registrieren.

Bei dieser Vorgehensweise müssen einige Regeln vereinbart werden: Vom Klassenaccount aus nur gemäß Arbeitsauftrag getwittert werden. Jede private Nutzung des Accounts außerhalb des unterrichtlichen Kontexts ist untersagt. Selbstverständlich dürfen keine unangemessenen Tweets oder Replies gepostet oder die Tweets anderer Schüler gelöscht werden. Twitter verfügt über keine Editier-Funktion, sodass das nachträgliche Verändern von Tweets ausgeschlossen ist.

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